Eine kurze Geschichte über die Kraft der Bäume
Er(in)nerung
Ich möchte erzählen dir, von (m)einer erfahrenen Liebe:
Ihn traf ich auf meinem Weg durch Dornenhecken und Gestrüpp als ich irrend umherzog.
Er wurde mir geschenkt herausfordernde Zeiten (genährt durch seine Kraft) zu meistern. Er wurde mir Vertrauter, Freund und Wegbegleiter. Er war (m)ein Mann für die Monate der Einsamkeit, in den uferlosen Stunden und Tagen der Berührungslosigkeit. Ich durfte in seinen Armen weinen.
Sein Schweigen lud mich ein Worte zu formen, weil ich meinen Schmerz wandeln wollte. Vibrierende Blätter über meinem Haupt entlockten meinem Munde blühende Veilchen.
Mein Blick zu ihm voller Entzücken, besinnend auf die eigene Kraft und meine Wurzeln. Zweifel, Ängste, Bitternisse fielen von mir. Sein ganzes Wesen nährte mein offenes Herz, pflanzte Vertrauen und Selbstsicherheit.
Alles offenbarte ich ihm, gewiss dessen, er blieb in seiner Güte. Meine Hände glitten über seine gereifte Haut, trotz der vielen Narben, (zu meinem Erstaunen) weicher als ich annahm. Auf seine Weise lud er mich mit jedem Atemzug ein, zu kommen, so oft ich mochte, mir den Rücken zu stärken, Halt zu geben. Mich an ihn zu lehnen und zu ruhen, die Hast des Tages hinter mir zu lassen.
Er lehrte mich:
Sei verwurzelt in der Erde, standhaft in den Winden der Welten, selbstverständlich in der Hingabe an Blüte, Reife, Ernte, Abschied.
Diese tiefe Weisheit ist der Grund seiner Seele, in dieser Weisheit fand ich mich.
Ich schaute ein letztes Mal, zu ihm, (m)einem Baum. Er ähnelte nun einem lächelnden weisen Mann. Ich hörte den Klang meines Vaters, darin den Ton der reinen Liebe.
H.K. November 2010