
Diese Geschichte spielt in unserem Schwedenhaus und wurde auch in der Weihnachtsanthologie 2011 des Goethe Verlages veröffentlicht, dieses Buch ist bei uns bestellbar.
Dezemberträume
In einem Land, weiter weg als du an vielen Tagen laufen kannst, lebt ein menschlicher Engel.
Groß gewachsen, rötliches Haar, strahlend blaue Augen, leuchtend wie das Licht der Sonne, daran erkennst du ihn. Doch seine Flügel siehst du nur, wenn du den Blick aus deinem Herzen holst. Seine federgleich glänzenden Schwingen umhüllt er mit einem grünen Gewand. Noch versteckt er sie vor den Menschen der Stadt. Viele von ihnen glauben: `Das gibt es doch nur in Märchen` Und doch haben sie von Engeln schon gehört. Möglicherweise halfen sie den verloren gegangenen Schlüssel zu finden, die Tränen bei einem Abschied zu trocknen, ihren Mut zu stärken, den Mund zu öffnen, um Wahrheit aus zu sprechen. Doch ihnen in „echt“ die Hand zu geben scheint unerreichbar für sie.
Wörlie ist der Name von diesem menschlichen Engel, weil er Worte so sehr liebt. Er wohnt mitten im Wald in einem kleinen Häuschen, himmelblau ist die Haustür, ziegelrot sind die holzverkleideten Außenwände. Die Terrasse ist von einem weißen Gartenzaun umrandet.
An diesem Ort lebt Wörlie sehr naturverbunden, einfach und zurück gezogen. Das regenbogenfarbene Licht um seinen Körper schimmert kraftvoll. Sein großes Herz leuchtet wie ein Diamant. Allen Lebewesen im Wald schenkt er große Achtsamkeit. Gern sind sie mit ihm zusammen, besonders dann, wenn er am Abend seiner Flöte zauberhafte Töne entlockt.
Wörlie pflegt einen besonderen Baum, einen Wortfruchtbaum. Er bekam ihn als Geschenk und zur Pflege von Elba, der Baumwächterin mit der Bitte, die Liebe über Worte und Lieder zu den Menschen zu leiten. Elba gab ihm eine wichtige Botschaft mit auf den Weg:
Gedanken, Stimme und Wort sind die Kraft eines jeden Menschen. Achtet darauf, was ihr wählt. Sie sind wie Zugvögel, eines Tages kommen sie wieder.
Dieser Baum sieht lustig aus, so wie Fichte, Palme, Lärche, Buche und andere dir bekannte Bäume, alles an einem Stamm. An diesem Prachtwerk wachsen außergewöhnliche Früchte. Ein reiner Gedanke, ein herziges Gefühl und schwups …eine neue Köstlichkeit sprießt von den Ästen und Zweigen.
Nascht Wörlie von den Baumfrüchten, spricht er besonders herzlich und liebevoll. Den Erdbewohnern möchte er zeigen, wie viel Freude diese Art des Sprechens schenkt. Denn das, was du aus deinem Mund fließen lässt kehrt zu dir zurück. Er nimmt sich Zeit, Worte zu ordnen. Er sagt das, was in seinem Herzen zu spüren ist. Manchmal schweigt er, damit Gedanken und Empfindungen einander die Hände reichen, um dann erst über die Lippen zu strömen wie klares Wasser.
In diesem Herbst gab es eine große Ernte. Viele, viele Wortfrüchte liegen nun in Körbchen verteilt, bereit für das Fest der Liebe.
Apfelprikosen, Tomatrauben, Zitrozwetschgen und und und …Was meinst du – wie sehen diese Köstlichkeiten aus? Schließe deine Augen…kannst du sie schmecken?
Wörlie hat alle Hände voll zu tun. Dieses Jahr hat er die Waldtiere und neue Freunde eingeladen. Aus seinem kleinen Häuschen dringen zarte Klänge. Es duftet nach Zimt und Koriander, wie Spiralen schlängeln sich Rauchwölkchen in die Luft vom glimmenden Lavendel. Lausche hinein in diese einladende Stimmung. Nimm einen tiefen Atemzug in deine Nase von diesen himmlischen Düften. Wage dich näher heran an die leuchtenden Fenster dieses friedvollen Ortes.
Und vielleicht…zu deinem Erstaunen…siehst du wieder etwas Eigenartiges, einen Wortchristbaum. Die hervorragendsten Früchte haben einen Platz an diesem Baum bekommen. Apfelprikosen leuchten purpurrot an den Zweigen und Klammern mit kleinen Zettelchen bestückt sind daran gezwickt. Die besten Worte hat er von seinen neuen Freunden mit der Eulenpost empfangen und sammelnd aufgeschrieben.
Kennst du solche Worte?
Vertrauen, Freundschaft, Dankbarkeit, Treue, Frieden…
Und ganz oben…auf der Spitze des Wortchristbaumes sind viele Tomatrauben zu einem Stern gebunden. Tomatrauben sind sehr, sehr klein, viel kleiner als Haselnüsse. Ihre Schalen scheinen rosarot und haben viele kleine Öffnungen. Goldene Buchstaben funkeln und verbinden sich zu einem großen Licht…
L-I-E-B-E und noch mal L-E-B-E-N
Fertig…zufrieden blickt Wörlie auf die festliche Baumpracht. Tiefe Freude kann er spüren und ein Lächeln kräuselt sich über seine Lippen…gedankenversunken träumt er vom…
Da… ein zaghaftes Klopfen…Schritte?...eher ein Flügelrauschen…mmh…
Die Tür öffnet sich einen Spalt…seine Schuhe lässt er im Haus…zu neugierig sein Drängen, wissen wollend…WER IST DA?
Gebannt von der Schönheit, die sich nun vor seinen Augen ausbreitet, muss er diese erst mal reiben. „Träume ich?“ Schillernde Kleider, wehende Schleier, bezaubernde Hüte, einzigartige Schmuckstücke betonen das Aussehen der Feen, Elfen und Zwerge.
Wispernd hört er eine zarte Stimme: „Bist du Wörlie?“
„Ja“ dringt es in die flockenwirbelnde Nacht. Das Elfenmädchen überreicht ein großes Päckchen von Elba. „Wir haben dir etwas zu überbringen…“ Honigsüß dringen die Worte in sein Ohr. Immer noch im Staunen übersieht Wörlie die tanzenden Schneeflocken in seinem Garten.
Wörlie löst das von Perlen bestückte Band. Das seidene Papier fällt zu Boden, das Rascheln verwebt sich mit den Tönen der Feengesänge. „Oh“ … rief er verwundert aus als er den Deckel hebt… „Für mich?“
Tausend edle Sterne findet er in einer Holzschale, obenauf liegt ein roter Brief mit goldener Schrift:
Lieber Wörli,
E hä nje de lu ri e
E hä nje
Erinnere dich,
erwecke die Welt mit deinem Licht!
Wörli weiß, die Zeit ist reif den grünen Umhang ab zu legen und seiner Bestimmung zu folgen. Jeder Mensch hat eine Aufgabe hier auf Erden. Kennst Du Deine?
H.K. November 2010